Das musikalische System
Unser musikalisches System ist im Wesentlichen nach zwei Parametern geordnet: die eindeutige Tonhöhe (Diasthematik, absolut) und die Ordnung im zeitlichen Ablauf (Rhythmik, relativ). Beide Ordnungen haben ihren Grund in kleinen ganzzahligen Verhältnissen.
Daneben gibt es noch viele andere Parameter wie Lautstärke, Klangfarbe, Artikulation, Vibrato, Glissando, Agogik, Rubato… Diese sind schwer quantifizierbar, zum Teil nicht scharf voneinander abzugrenzen und damit auch schwer aufzuschreiben.
Manche dieser Größen sind bewusste Abweichungen von einem der Hauptparameter. So weichen etwa Vibrato oder Glissando vom Ideal der eindeutigen und gleichbleibenden Tonhöhe ab, während Swing, Wiener Walzer oder alpenländische Volksmusik ihren Reiz aus der bewussten Abweichung von den mathematisch korrekten Tonlängenverhältnissen beziehen.
Die Kombination dieser beiden Parameter zu einer Einheit heißt Melodie. Sie wird in der Notenschrift auf geniale Weise sehr eindeutig und unmissverständlich gemeinsam visualisiert.
Die Vermittlung des Notenlesens ist ein wesentlicher Bestandteil des musikalischen Unterrichts. Dabei hat die korrekte Benennung von Tonhöhen und -längen (Notenwerten) noch keinen besonders großen Wert. Erst die Fähigkeit, sich den musikalischen Inhalt ohne Zuhilfenahme eines Instrumentes etwa durch singen zu erschließen oder ihn sich im Geist vorstellen zu können, vergleichbar dem stillen Lesen, kann man als volle Lesefähigkeit bezeichnen. Sie ist das Ergebnis erfolgreicher Gehörbildung.
Diasthematik
Das Tonsystem, wie wir es heute verstehen und wie es in der gleichschwebenden Stimmung realisiert ist, besteht aus 12 gleich großen Tonschritten innerhalb einer Oktav (vom Ausgangston bis zum Ton mit der doppelten Frequenz). Die absoluten Tonhöhen dieses Systems sind durch den Stimmton a‘ (meistens mit 443 Hz) definiert. Der eigentliche musikalische Gehalt steckt aber nicht so sehr in der absoluten Tonhöhe, sondern im Verhältnis der verschiedenen Tonhöhen zueinander.
Die diatonische Tonleiter ist eine Auswahl von 7 dieser 12 Töne. Sie besteht aus dem 1., 3., 5., 6., 8., 10. und 12. Ton. Ein Tonschritt wird als „Halbton“ bezeichnet, zwei Tonschritte zusammen heißen „Ganzton“. Wenn man die Tonleiter mit einem anderen Ton beginnt, das Muster von Halb- und Ganztönen aber gleich behält, dann bleibt auch die Charakteristik gleich. (Alle meine Entchen klingt in C-Dur gleich wie in D-Dur.)
Die mathematische Seite der Diatonik ist seit dem Altertum bekannt. Die Tonleiter ließ sich mit mathematischen Formeln am Monochord darstellen. Die Töne wurden mit den Buchstaben des Alphabets bezeichnet. Die mittelalterliche Musiktheorie kannte drei Hexachorde, die durch alternative Verwendung von b oder h das gleiche Intervallschema hatten. Sie waren auf den Tönen g, c, und f aufgebaut. Mit sieben Hexachorden wurde der knapp drei Oktaven umfassende Tonumfang der mittelalterlichen Musik abgedeckt und gegliedert.
In der Musizierpraxis, also dem gesungenen Gregorianischen Choral spielte das keine große Rolle. Solange es keine eindeutige Notenschrift gab, war die Weitergabe des Repertoires nur über das Auswendiglernen möglich. Als um ca. 1000 dann eine in diasthematischer Hinsicht eindeutige Notenschrift zur Verfügung stand, zeigte sich, dass das Lesen der Noten nicht ganz einfach war.
Guido von Arezzo gelang die „Alphabetisierung“ der Musiker. Er gab den sechs Stufen des Hexachords die Namen ut – re – mi – fa – sol – la. Mit der „Guidonischen Hand“ erfand er noch ein visuelles Zeichensystem für dieses relative Notensystem, mit dem das absolute System erschlossen wurde. Damit hatte er ein umfassendes Lerninstrumentarium geschaffen, das nach moderner Diktion mit Reizverknüpfung arbeitete. Mit seiner Hilfe konnte ein Mönch ohne musikalische Vorbildung den gesamten Gregorianischen Choral in einem statt zehn Jahren lernen.
Dieses relative System, die Silben mit den Handzeichen, wurde also für den Zweck geschaffen, ohne Instrument Noten lesen zu können. Die Assoziation von Silbe und Ton wird durch Singen geübt und kann im Singen abgerufen werden.
Nachdem es fast 600 Jahre Bestand hatte, wurde um 1600 für die 7. Stufe das si hinzugefügt, womit die ganze Oktav abgedeckt war. Damit kam aber diesem relativen System, in einer Musik, die Tonarten in unserem Sinn noch nicht kannte, der Sinn abhanden. Wegen der leichteren Singbarkeit wurde dann noch ut durch do ersetzt.
Diasthematische Gehörbildung
Sich den diasthematischen Inhalt von Musik durch Singen zu erschließen heißt Solmisation.
Absolute Solmisation
In Frankreich des 17. Jahrhunderts wurde die Bedeutung der Guidonischen Silben vergessen und die Silben do – re – mi – fa – sol – la – si mit den absoluten Notennamen c – d – e – f – g – a – h gleichgesetzt (womit Jean-Jacques Rousseau keineswegs einverstanden war). Die absolute Solmisation zielt auf die Erlangung eines absoluten Hörvermögens ab. Sie unterscheidet im Namen nicht zwischen Stammton und Alteration und stellt damit keinen Bezug zur Tonalität her. Bei transponierenden Instrumenten stimmen die Notennamen nicht mit den klingenden Tönen überein.
(Hauptsächlich verwendet im romanischsprachigen Raum, in den meisten Ländern Osteuropas)
Relative Solmisation (auf einen veränderbaren Grundton bezogen)
Im 19. Jahrhundert griff die englische Lehrerin Sarah Ann Glover die relative Solmisation des Guido von Arezzo auf und entwickelte sie zu einem umfassenden System, das der inzwischen weiterentwickelten Musik gerecht wurde. Um die Silben beim Aufschreiben auf den Anfangsbuchstaben reduzieren zu können, änderte sie das si auf ti. Die Reihe wurde d -r – m – f – s – l – t geschrieben. Das ermöglichte es auch, alterierte Töne miteinzubeziehen, z. B. si für das erhöhte so. John Curwen hat dazu neue Handzeichen entwickelt und das ganze System unter dem Namen Tonic-sol-fa in Großbritannien populär gemacht. Mithilfe der Handzeichen konnte der Lehrer den diasthematischen Inhalt der Musik darstellen; zum Üben bedurfte es keiner geschriebenen Noten. Das machte den Unterricht sehr flexibel. Der überzeugende Erfolg in der elementaren Musikausbildung erregte Aufmerksamkeit und Tonic-sol-fa wurde in vielen Ländern nachgeahmt. Von Zoltán Kodály wurde es in Ungarn eingeführt, wo es dauerhaft und mit großem Erfolg angewendet wurde.
(Um Verwechslungen mit den absoluten Namen zu vermeiden wird im Folgenden immer die ganze Silbe groß und kursiv geschrieben: z. B. Do)
Aus den „333 Olvasógyakorlat“

In der praktischen Arbeit stellte sich heraus, dass für den Elementarunterricht die Pentatonik besser geeignet ist als die Do-bezogene siebenstufige Diatonik. Das mag in der archetypischen Vertrautheit mit diesem archaischeren System begründet sein, könnte aber auch mit der größeren Eindeutigkeit der größeren Intervalle zusammenhängen.
In den „333 Olvasógyakorlat“ von Zoltán Kodály wird der pentatonische Tonraum in folgender Reihenfolge aufgebaut: Do – Re – La, – So, – Mi – So – La – Do‘ – Re‘ – Mi‘. Die ersten 3 Töne Do – Re – La, entsprechen im Intervallschema dem archaischen Muster So – La – Mi, aus dem viele Kinderreime (Ringel, Ringel, Reihe) bestehen. Das scheint dem Autor zu diesem Zeitpunkt (noch) nicht bewusst gewesen zu sein.
(Verbreitet im angloamerikanischen Raum, Ungarn, Finnland)
Die relative Solmisation entfaltet ihre Wirkung beim Singen. Ihre große Bedeutung liegt darin, dass sie die tonale Funktionalität, quasi die Grammatik der abendländischen Musik, abbildet. Die relative Solmisation ersetzt das absolute Notensystem nicht. Spätestens mit der Benützung eines Instrumentes braucht man das absolute Notensystem und es entsteht eine Art von Zweisprachigkeit. Idealerweise beginnt Musikunterricht mit der relativen Solmisation und ohne Instrument, also gesungen. Erst mit dem Instrument gibt es eine Notwendigkeit für die absoluten Tonhöhen (Griffe, Tasten…) Die beim Singen erworbenen Fähigkeiten helfen dann beim Lernen des Instruments. Der Unterricht mit der relativen Solmisation soll dem absoluten Notensystem vorausgehen, wenn die Solmisation Gehörbildung und nicht eine theoretische Rechenaufgabe sein soll. In der diatonischen Geige orientiert sich der Aufbau des Tonraumes an der tonalen Funktionalität, sie zeigt aber auch, dass Solmisationsunterricht anhand der Geige möglich ist. Dieser Unterricht soll aber getrennt vom Spielen nach Noten stattfinden.
So wie die relative Solmisation, ist auch die Pentatonik im Instrumentalunterricht nicht ganz unproblematisch, da, ebenso wie im Notenbild, unmittelbar zu erkennen ist, dass da Töne ausgelassen sind, während die siebenstufige diatonische Skala (besonders die von C-Dur) als vollständig empfunden wird. Die diatonische Geige findet einen Weg, die Vorteile der Pentatonik im Unterricht zu nutzen.
Gehörbildung von Ton zu Ton (nach Intervallen)
Ganz relativ ist eine Gehörbildung anhand des Intervalls zum vorangegangenen Ton. Das Intervall muss zuerst mit Hilfe der Theorie erkannt und dann vom Ausgangston aus gesungen werden. Auch sie ist unabhängig von der Diatonik.

In der diatonischen Geige erfolgt der Aufbau des Tonraumes mit der Geigensolmisation.
Rhythmik
Auch das rhythmische System wird von ganzzahligen Verhältnissen bestimmt. Basis des Rhythmus ist das Metrum, der im gleichmäßigen Tempo laufende Schlag. Durch regelmäßiges Betonen jedes zweiten Schlages wird das Metrum strukturiert, es entsteht die nächsthöhere Ebene, der 2/4 Takt. Der betonte Schlag gilt als der Beginn des Taktes. Das Verhältnis der Notenwerte der beiden Ebenen ist 2:1. Die Betonung kennt keine exakte Quantifizierung.
Analog dazu kann der Schlag in zwei gleiche Teile geteilt werden, die dann, wie die Schläge im Takt unterschiedlich stark betont werden. Auch hier ist das Verhältnis der Notenwerte zwischen den Ebenen 2:1. Das Verhältnis der Notenwerte zwischen der obersten (Halbe Note) und der untersten Ebene (Achtelnote) ist 4:1.
Das Verhältnis zwischen den Notenwerten zweier benachbarter Ebenen kann auch 3:1 sein. Wenn jeder dritte Schlag des Metrums betont wird, entsteht der 3/4 Takt. Er ist um die Hälfte, also eine Viertelnote länger. Welcher der beiden Schläge nach dem betonten ersten Schlag stärker ist, ist von der Theorie her nicht definiert und wird in der Praxis nicht bewusst unterschieden.
Auch zur unteren Ebene kann das Verhältnis der Notenwerte 3:1 durch eine Dreiteilung des Schlags hergestellt werden. Der Schlag wird nicht in zwei, sondern drei gleiche Teile (Triolen) geteilt, das Betonungsschema ist analog zum 3/4 Takt.
Das Teilungsverhältnis 2:1 ist der Standard. Das Verhältnis 3:1 kommt meistens nur bei einem Wechsel der Ebene vor.
Die Rhythmik war bis ins Mittelalter durch den Sprachfluss bzw. die Versmaße der klassischen Antike bestimmt. Die exakte Definition und Erfassung der Tonlängen durch Zahlenverhältnisse begann im mittelalterlichen Paris und wurde erst später Teil der Notenschrift. Die Notwendigkeit dafür entstand aus der Praxis der Mehrstimmigkeit. Noch später wurde der zweite rhythmische Aspekt, die Betonung, von der Theorie betrachtet und als Takt in die Notenschrift integriert.
Eine Verabsolutierung des Zeitmaßes gibt es nicht, auch wenn mit dem Metronom die Möglichkeit dafür gegeben wäre. Dementsprechend ist die rhythmische Gehörbildung immer relativ gedacht. Fließende Übergänge in ein anderes Zeitmaß sind Teil der Praxis.
Die Hilfsmittel zum Rhythmuslesen sind das Mitklopfen des Metrums oder das Mitzählen entsprechend der Taktart (z. B. Taketina für den 4er Takt).
Auch der Rhythmus selber kann geklatscht werden. Beim Klatschen erleichtert man sich die Aufgabe durch Weglassen der Diasthematik. Außerdem ist das Klatschen meistens leichter als das Spielen des Instrumentes. Das Klatschen kann aber auch bis zu einem gewissen Grad die Längenverhältnisse durch den Weg der Hände visualisieren.
In Analogie zur (diasthematischen) Solmisation wurde auch versucht den Rhythmus zu versprachlichen. Das System nach Kodály (TA, TITI) berücksichtigt nur die Längen, nicht den Takt. Die verschiedenen Vokale suggerieren auch keine verschiedenen Längen. Ein System, das im ehemaligen Jugoslawien in Verwendung war (tafa-tefe) basiert auf der Betonung im Rhythmus und unterscheidet zwischen 2er und 3er Takt (tafa-tefe-tifi).
In der diatonischen Geige wird die neu entwickelte Rhythmussolmisation Yatapam verwendet.
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